SpielwieseDie Flucht in die IT-Blase - Spielwiese

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Roman Vigut

Journalist & Blogger

Die Flucht in die IT-Blase

Finanzielles Armageddon neben Jubelmeldungen – wer derzeit Wirtschaftsnachrichten liest versteht die Welt nicht mehr. Die Angst vor Staatspleiten treibt die Anleger in hochriskante Geschäfte.

Die Finanzwelt steht Kopf: Einerseits werden Reserven gebildet, um einem Haircut (Schuldenerlass) Griechenlands oder dem Zahlungsausfall der USA entgegenzuwirken. Andererseits verjubeln Investoren Milliarden Dollar, indem sie ihr Geld in Social-Media-Unternehmen stecken. 10 Milliarden Dollar ist LinkedIn wert und der Farmville-Macher Zynga wird auf acht Milliarden Dollar geschätzt. Groupon wird den nächsten Run auf Tech-Aktien auslösen und Facebook will 2012 sogar 100 Milliarden Dollar an der Börse lukrieren.

Die Frage ist: Wie kann es sein, dass Investoren Milliarden Dollar in hochriskante Internet-Papiere stecken und sich bei Staatsanleihen zieren? Die Antwort liegt in dem aktuellen Irrsinn der Märkte.

Finanzunternehmen haben ein Problem: Sie haben sehr viel Geld. Nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers hatten Banken und Versicherungen das Vertrauen in ihre Mitbewerber verloren. Der so genannte Interbanken-Markt trocknete aus, die Institute liehen sich gegenseitig kein Geld mehr. Um eine Bankrott-Serie zu vermeiden, haben die Staaten tief in die eigenen Taschen gegriffen. Vor allem die EU öffnete die Tresore und versorgte die Banken mit rund 3000 Milliarden Euro.

Drei Jahre später ist ein Gutteil der Staatshilfen abgezahlt. Dank der Haftungen und Direkthilfen konnte der Markt wieder in Gang gebracht werden und die Geldinstitute haben in der Folge gut verdient. Einzig das Vertrauen ist noch immer nicht zurück. Die Kreditvergabe konnte nicht wieder in Gang gebracht werden.

Was allerdings noch schlimmer ist: Die bisher als sicher geltenden Staatsanleihen sind zum Risikoinvestment geworden. Griechenland und Portugal stehen vor dem Haircut, den USA droht aufgrund innenpolitischer Streitereien der Bankrott.

Und nun geschieht folgendes: Die Banker wollen das Risiko „streuen“. Um mögliche Verluste aus den Staatsanleihen aufzufangen, brauchen sie Investitionen, die massive Gewinne versprechen – dank Staatshilfen ist ja genug Geld vorhanden. Und was liegt da näher, als auf den Zug der allgemeinen Web 2.0-Hysterie aufzuspringen. LinkedIn war nur der Anfang, künftig wird in der IT-Branche ein Rekord den nächsten jagen. Der physische Wert dieser Unternehmen spielt dabei keine Rolle mehr. Es geht nur noch darum, einen Dummen zu finden, an den sich die Aktien mit Gewinn verkaufen lassen.

Und so stolpern Banken und Versicherungen in die nächste Wertpapierblase. Die Folge: Kaum wird die Schuldenkrise überstanden sein, werden die Unternehmen wieder an die Türen der Finanzministerien klopfen und die Hände aufhalten und die Politiker werden wieder die Säckel öffnen (müssen). Denn aus alten Fehlern zu lernen, ist heutzutage zu viel verlangt.

 

von Roman Huber

Bildquelle: worradmu / FreeDigitalPhotos.net

Dieser Beitrag entstand im Rahmen meiner Tätigkeit für Kleine Zeitung Digital. Es gilt österreichisches Urheberrecht. Die Verwertungsrechte liegen bei Kleine Zeitung Digital.