SpielwieseJournalismus oder Voyeurismus - Spielwiese

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Roman Vigut

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Journalismus oder Voyeurismus

Michelle Meiklejohn / FreeDigitalPhotos.netIch hatte schon einige aktuelle Dienste, bei denen wirklich große Katastrophen stattfanden – Althaus, Winnenden oder Chile. Doch die Frühstunden des 11. März übertrafen alles bisher da gewesene. Und für mich stellt sich einmal mehr die Frage – was bedeutet Qualität im Online-Journalismus.

Freitag, 6.30 Uhr, Dienstbeginn in der Redaktion. Im Gegensatz zu manchen Kollegen mag ich den Frühdienst. Es ist meistens genug zu tun, damit die Zeit schnell vergeht, ich bin um 14.30 draußen und hab noch was vom Tag.

Doch dieser Freitag hat mich an meine persönlichen Grenzen gebracht. Ich hab in meiner Arbeit als hauptverantwortlicher News-Redakteur schon einiges erlebt. Winnenden und Chile waren die bisherigen „Highlights“. Doch so grausam diese Ereignisse auch waren, das Erdbeben in Japan stellte alles in den Schatten.

Um 6.50 kam über die Agentur die Meldung: Erdbeben in Japan – Tsunamiwarnung. Das zweite Erdbeben innerhalb weniger Tage, damit war klar, die Geschichte muss in den sichtbaren Bereich – auch wenn ich lokale Geschichten auf diesen Plätzen bevorzuge. Als dann wenige Minuten später die Magnitude bekannt gegeben wurde, machte ich das Beben zur Aufmachergeschichte.

Und dann kam das übliche Vorgehen: Suche nach Youtube-Videos und einem Live-Stream. NTV überträgt im Internet nichtmehr nach Österreich, die Streams von CNN und BBC sind zu kompliziert zu finden. Die Wahl fällt daher auf Al-Jazeera – zumal die in Asien besser aufgestellt sind, als die westlichen Sender.

Doch was ich dann gesehen habe, hat mir die Sprache verschlagen: Eine Schlammwalze frisst sich durch das Land, im Kopfhörer schallt es: „These are live-pictures of a tsunami forcing it’s way through Japan“. Schockiert und halb automatisch klopft der Finger auf „Druck“ – der Screenshot wird in den Photoshop geladen, zugeschnitten und als Aufmacherbild gewählt – es ist egal, ob man das Al-Jazeera-Logo sieht. Als Nächstes beginne ich zu tickern, die Live-Berichterstattung beginnt. Es folgen Fotoserien, Youtube-Videos und immer krassere Meldungen, bis hin zum drohenden GAU. Später mache ich ein Interview mit der Botschaft in Japan – persönliche Eindrücke von Augenzeugen sollen die Betroffenheit beim Leser erhöhen.

Das ist mein Geschäft, das ist Online-Journalismus. Geschwindigkeit ist das Wichtigste. Doch heute, ein paar Tage danach, frage ich mich: Ist es das, was Online-Journalismus auszeichnet? Ist das Qualität oder bedienen wir nur den Voyeurismus der Leser? Wie wichtig ist der Gruselfaktor?

Klar: Schnelligkeit ist ein Qualitätskriterium, auch inhaltliche Korrektheit. Beides habe ich in meiner Arbeit erfüllt. Dennoch bleibt die Ungewissheit, ob man die Leser nicht vor gewissen Bildern schützen muss. Ist es richtig, dass die japanischen Kollegen aus dem Hubschrauber einen Pkw filmen, dessen Fahrer verzweifelt versucht, vor der Schlammlawine zu flüchten? Ist es richtig, dass ich unseren Lesern diese Bilder als Live-Stream anbiete?

Betrachtet man die Zugriffszahlen, muss man mit Ja antworten. Trotzdem habe ich ein mulmiges Gefühl.

 

von Roman Huber

Bildquelle: Michelle Meiklejohn / FreeDigitalPhotos.net